DSDS ist kein Kinderspiel
Alle Jahre wieder…ist nicht nur der Beginn eines Weihnachtsliedes. Auch die Kritik an der Casting-Show Deutschland sucht den Superstar dürfen wir jedes Jahr aufs Neue verfolgen. Diesmal hat sich Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlands, als erster Politiker zu der RTL-Sendung zu Wort gemeldet. Im Focus fragt er, ob man es weiterhin zulassen dürfe, dass dort Personen, die sich erkennbar nicht gegen die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte wehren können, vorgeführt werden.
Natürlich sind viele Kommentare von Dieter Bohlen oder die Nachbearbeitungen mit Comic-Elementen durch die Produktionsfirma Grundy Light Entertainment herabwürdigend. Aber schauen wir uns die Teilnahmebedingungen bei DSDS doch mal genau an: Wenn du noch nicht 18 Jahre alt bist, müssen beide gesetzlichen Vertreter für dich unterschreiben (bei alleinigem Sorgerecht muss der alleinig Sorgeberechtigte unterschreiben). Es handelt sich bei den Kandidaten also um erwachsene Männer und Frauen oder Jugendliche, deren Erziehungsberechtigte ausdrücklich der Teilnahme zugestimmt haben. Das rechtfertigt keine Demütigungen, aber da mittlerweile die sechste Staffel läuft und jeder Kandidat sich über die Gepflogenheiten in fünf vorherigen Staffeln informieren konnte, muss sich jeder über die möglichen Folgen klar sein.
Natürlich kann man dieser Argumentation entgegnen, strafrechtlich werden Personen zwischen ihrem 18. und 21. Geburtstag als Heranwachsende angesehen, die dem Jugendstrafrecht unterliegen, bei denen also eine Einschränkung der Mündigkeit vorliegt. Betrachten wir dagegen die realen Verhältnisse, dann erleben wir eben diese Gruppe als äußerst selbstbewusst; um nicht zu sagen, sie hätten eine große Klappe und können Bäume versetzen (vielleicht sogar da, wo keine sind). Bei DSDS werden sie dann vor die Probe gestellt, nicht nur vor einem großen Publikum am Fernseher zu bestehen, sondern sich auch der Kritik der Juroren inklusive Dieter Bohlen zu stellen.
Dass zahlreiche Kandidaten dem nicht gewachsen sind, ist offenkundig. Aber anscheinend sind sie per se keiner Kritik gewachsen, nicht mal fähig zur Selbstkritik. Denn fern jeder Realität behaupten sie, ihre Stimme könne sie zum Weltstar machen. Würden diese Kandidaten - egal in welchem Alter - nur einmal ihre eigene Stimme anhören, wüssten sie, dass sie in der Show nichts verloren hätten. Doch immer wieder treten sie dort auf und stelllen sich selbst wie beim Jahrmarktboxen zur Schau, wo man sich bekanntlich auch freiwillig in der Öffentlichkeit ordentlich einen überbraten lässt.
Noch größere Abgründe tun sich auf, wenn Jugendliche bei DSDS auftreten. Die Eltern geben ihr Okay zur Teilnahme, obwohl gerade sie in ihrer Funktion den Nachwuchs schützen sollten. Viele dieser Eltern würden ihr Auto niemals dem Nachbarn ausleihen, aber ihre Kinder geben sie in die Obhut einer Produktionsfirma, die nichts anderes als den eigenen Profit im Auge hat. Abschließend möchte ich nochmal klarstellen, dass ich die Sprüche der Juroren oder Animationen während der Show keinesfalls gutheiße. Doch die Schuld darf keineswegs nur den Fernsehmachern in die Schuhe geschoben werden, denn es sind Erwachsene die dort vollkommen unreflektiert auftreten und Eltern, die ihre Kinder trotz des Wissens um das Gebaren bei DSDS zur Schau stellen. So lang diese Personen sich nicht über ihre eigene Unfähigkeit und die Niedertracht der Fernsehmacher klar werden, wird es auch weiterhin jedes Jahr aufs Neue Schandale geben.
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4 Responses to “DSDS ist kein Kinderspiel”
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Werter Soziolot,
ich muss Deine Kritik noch ein wenig erweitern - denn mal ganz ehrlich: Es sind in erster Linie wir Zuschauer, die uns solche Schandale bescheren. Wie so vieles richtet sich auch das Fernsehprogramm nach der Nachfrage. Was keine Quote bringt, fliegt ruckzuck wieder raus.
Mit anderen Worten: Wir alle sind für den Dreck mitverantwortlich, der da zuweilen aus dem Flatscreen flimmert.
Darüber kann man sich aufregen. Oder man kann es hinnehmen und ignorieren - und muss dann aber halt damit leben, dass man im Verlauf einer Dschungel-, DSDS-, Supertalent- oder Supemodel-Staffel beim Mittagessen mit den lieben Kollegen nicht mitreden kann…
Nun werde ich mal meine Meinung kund tun.
Egal was die meisten über die ganzen hervorragenden Casting-Sendungen denken mögen, diese Formate haben so enormen Erfolg, weil es so viele Menschen in Deutschland gibt, die sich so gerne “fremdschämen”.
Ich finde es zwar ziemlich erschreckend, dass sich so viele der Kandidaten für solche Formate hergeben, allerdings ist sich natürlich jeder darüber bewusst, was dort abläuft. Von daher: Wo liegt das Problem? Ich bekenne mich als begeisterter Zuschauer von Recalls und Co. Einfach wahnsinn, was für Gestalten man dort zu Gesicht bekommt. Diese sorgen immer wieder mal neben dem fremdschämen auch für viele Momente in denen ich mich herzlich amüsieren kann - Außerdem, ist doch alles freiwillig.
Wen es interessiert schaut es sich an, wen nicht, der kann ja abschalten.
Ein Nachschub:
…und wer nicht mitreden kann beim Mittagessen, ist natürlich raus!
Lieber Kucki, da Du hier in meinem Terrain wilderst, kommentiere ich mal kurz aus medienethischer Perspektive, aus der es mir nicht mal so sehr um die Kandidaten, als vielmehr um die Zuschauer geht. Die Vorgehensweise, die Quote als Maßstab der Programmierung anzusehen, ist natürlich einerseits legitim, handeln doch andere Wirtschaftsunternehmen in gleicher Weise: Nur ein Produkt, das hohe Absatzzahlen verspricht, wird auf den Markt gebracht. Der Vorsatz ein Massenpublikum bedienen zu wollen, ist also an sich nicht verwerflich. Was die Programmqualität betrifft, vor allem in Hinblick auf ihre ethische Vertretbarkeit, sind aber dennoch die Programmmacher nicht gänzlich aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Hohe Quoten können keine absolute Legitimation darstellen, denn es besteht immer die Gefahr, dass die Quote, eigentlich ein Mittel, dann zum Selbstzweck wird. Aus einer kritischen Perspektive müssen wir schließlich befürchten, dass es den Werbetreibenden wie den Zuschauern (Subjektautonomie hin oder her), die so letztlich zu Entscheidungsträgern über das Programm werden, an der notwendigen Medienkompetenz mangelt.