Kaum zu Glauben

Februar 4, 2009 · Posted in Gesellschaft 

Bereits am 24.  Januar nahm Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier Bischöfen zurück, darunter die des Briten Richard Williamson. Jenes Klerikalen, der den Holocaust leugnet. Die gesellschaftliche und mediale Diskussion - oder besser Aufregung - darüber begann recht schleppend, erreicht derzeit allerdings ihren Höhepunkt. Ob dies mit der späten Reaktion der Bild-Zeitung zusammenhängt oder der Aufforderung der Kanzlerin an den Papst, die Position des Vatikans zum Holocaust klarzustellen, sei hier dahingestellt.

Bevor hier der fälschliche Eindruck entsteht, dieser Artikel thematisiere die Glaubensfrage, möchte ich klar zwischen Glauben und Gläubigen sowie der Institution Kirche differenzieren. Der Glaube ist die Quelle vieler Menschen, Kraft zu schöpfen. Die Institution Kirche dagegen beansprucht die Meinungsvertretung und Führung eben dieser Gläubigen, obwohl zahlreiche von ihnen nicht (mehr) zu ihren Mitgliedern zählen und viele Mitglieder die Positionen ihres Oberhauptes nicht teilen.

Eine geläufige Marketing- und PR-Prämisse ist, den Kunden dort abzuholen, wo er steht. Man dürfe nicht vorschreiben, was gut oder schlecht für ihn sei. Die Bedürfnisse der Adressaten müssen stets berücksichtigt werden. Nun möchte ich keineswegs Kirchenmitglieder Kunden gleichsetzen oder die Kirche als ein Unternehmen darstellen, das ausschließlich Profit anstrebt. Der gesellschaftlichen Aufgabe der Kirche als Sinnstifter und Gemeinschaft würde das nicht gerecht werden. Doch unweigerlich drängt sich das Bild auf, die Kirche wende sich kontinuierlich von der Gesellschaft ab. Richard Wagner merkt diesbezüglich richtigerweise in Der Achse des Guten an, die Aufgabe des Vatikan sei es “nicht, das Menschenbild zu befehlen, sondern den Vergleich zwischen Gottesbild und Menschenbild, Ikone und Image, laufend zu überprüfen”. Bewusst habe ich die Formulierung gewählt, die Kirche wende sich von der Gesellschaft ab und nicht umgekehrt. Denn das Bedürfnis vieler Menschen nach Gemeinschaft ist unablässig vorhanden. Nur ist ihnen gleichzeitig wichtig, sich mit dieser Gemeinschaft, deren Vertretern und Einstellungen zu identifizieren.

Der Theologe Hans Küng vergleicht den Papst in der Süddeutschen Zeitung (hier trefflich zusammengefasst) mit George W. Bush, der sich unter anderem ebenso starrsinnig gegenüber dem gezeigt hat, was um ihn herum passierte, wie es der Vatikan mit seiner Politik seit langem unter Beweis stellt. Der Fortschritt und die damit einhergehende Entwicklung einer Gesellschaft ist ein Phänomen, dem man sich unvermeidlich stellen muss, wenngleich sicherlich nicht alles davon Jubelstürme auslöst. Diese gewandelten Einstellungen gegenüber zahlreichen gesellschaftsrelevanten Themen zu ignorieren und sie sogar bei jeder Gelegenheit anzuprangern, bewirkt in den Köpfen der Menschen allerdings das Gegenteil vom Ziel der Kirche, Menschen unter ihrem Dach zu vereinen. Es führt vielmehr zu einer Spaltung der Gesellschaft und immer öfter zur Abwendung von der Institution Kirche.

Der Papst hat zwar mittlerweile aufgrund der öffentlichen Diskussion eingelenkt und von Williamson einen Widerruf seiner Holocaust-Leugnung verlangt. Doch dies nicht bereits vor der Rehabilitierung des Ex-Bischofs zu tun, war ein weiterer Schritt im Zuge der Abwendung der katholischen Kirche von der Gesellschaft.

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