Amoklauf in Winnenden: Politiker und Journalisten schießen scharf

März 15, 2009 · Posted in Gesellschaft, Medien, Politik 

Mit einigem Abstand zum Amoklauf in Winnenden lohnt es sich, einen Blick auf Reaktionen und die öffentliche Wahrnehmung zu werfen. Während sich Politiker aller Parteien einmal mehr einen Wettkampf um die drastischste Maßnahme gegen Waffenbesitz und Killerspiele lieferten, zeigte die Berichterstattung im Internet, dass der von der Bild Zeitung protegierte Bürgerjournalist bereits Realität ist.

Wie auch nach den Amokläufen von Erfurt oder Emsdetten, nutzten Politiker die Bühne Winnenden zur Selbstdarstellung mit realitätsfremden Forderungen. Im Blog Alter Falter! werden die Politiker daher selbst zu Amokläufern gemacht. Der Waffenbesitz müsse natürlich weiter restriktiert werden. Und Killerspiele müssten dringend verboten werden. Dazu gebe es keine Alternative, wolle man nicht täglich Meldungen über Amokläufe hören. Mit anderen Worten: Politiker bedienten sich der rhetorischen Peitsche, um diese auf dem Rücken von Waffenbesitzern und Killerspielern knallen zu lassen. Besonders deutlich wurde das am Abend des Amoklaufs bei Hart aber fair” mit Frank Plasberg. Dass die Gesetze eigentlich vollkommen ausreichen, sie teilweise nur nicht entsprechend angewandt werden, wird dabei ebenso vergessen, wie die Verantwortung der Bürger selbst. Persönlich halte ich nichts von Waffen, habe aber nichts gegen Jäger oder Sportschützen. Ihnen obliegt allerdings die Pflicht des ordnungsgemäßen Umgangs, wozu unter anderem die Verwahrung in abgesicherten Schränken gehört, sowie der Aufklärung von Nachwuchsschützen über verantwortungsvolles Handeln mit Waffen.

Die Diskussion um ein Verbot von Killerspielen ist noch haarsträubender. Übrigens halte ich auch davon persönlich nichts, aber lasst die Leute doch spielen. In der Vergangenheit wurden Pornofilme kritisiert, sie würden Frauen lediglich als Objekte darstellen (was nicht gänzlich unzutreffend ist), wodurch die Gefahr von Sexualdelikten steige. Heute sind diese Streifen mehr denn je durch das Internet und zahlreiche Videotheken verfügbar, die Kriminalstatistiken über Sexualdelikte sind dagegen stetig rückläufig. Killerspieler versucht man jetzt in die gleiche Ecke zu drängen. Dass es aber vielmehr um die Erziehung der jugendlichen Spieler geht und die Verantwortung der Eltern, ihre Kinder für den Unterschied zwischen Fiktion und Realität zu sensibilisieren, wird nicht thematisiert. Gerade während der Pubertät brauchen Jugendliche diese Art der Orientierung, damit sie den Stress nicht in Aggression umwandeln. Das graubrotblog schreibt dazu übrigens in einem exzellenten Artikel, dass das keine aktuelle Entwicklung sei, sondern seit Jahhrzehnten gelte. Und zwar für alle an der Erziehung Beteiligten, inklusive der Institution Schule.

Über die journalistische Berichterstattung gab es hitzige Diskussionen. Teilweise mutet es absurd an, dass die Auseinandersetzung mit der Berichterstattung in den Medien intensiver war als der Amoklauf selbst. Allerdings bedarf es dieser Diskussion auch, denn der gebotene Journalismus war in vielen Fällen nicht den jeweiligen Medien würdig. Das TV bot auf allen Kanälen eine Art des Betroffenheitsjournalismus, der mich zeitweise zum Fremdschämen veranlasst sah. Mütter und Schüler wurden vor die Kameras geholt, trugen dabei allerdings keine neuen Erkenntnisse vor, sondern apellierten nur an die Tränendrüse. Man konnte sogar das Gefühl gewinnen, einige würden die einmalige Chance eines Amoklaufs in ihrer kleinen Stadt zur Selbstdarstellung nutzen.

Auch das Internet als reaktionsschnellstes Medium schaltete sich in die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden ein. Dass nicht nur ausgebildete Journalisten, sondern vor allem auch die breite Masse sich dort äußern, ist nunmal ein Merkmal der virtuellen Vernetzung. Stern-Reporter Gerd Blank kritisierte die Art und  Weise der Berichterstattung zum Beispiel über Twitter, da es mit dem journalistischen Ehrenkodex nicht einhergehe. Diese Einschätzung kann man teilen, aber Blank schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er die Internetnutzer als “Pöbel” bezeichnet. Informationsvermittlung und -konsum ist nicht nur einer intellektuellen Elite vorbehalten, Herr Blank. Die Arroganz von Journalisten eines Mediums wie dem Stern gegenüber das veränderte Informationsmanagement der Internetnutzer gleicht dem trotzigen Verhalten alter Männer, die nicht mit innovativen Anpassungen sich dem Wandel stellen, sondern dieses moderne Internetz als Hexenwerk verfluchen.

Ich gebe Blank aber insofern Recht, als dass viele vermeintliche Quelllen im Internet lediglich Effekthascherei im Fall Winnenden betrieben. “Wenig zutreffende Informationen”, “Mutmaßungen” und “Halbwahrheiten” sind in der Tat kein seriöser Journalismus, sondern nur billige Selbstdarstellung in dem Gefühl, als Bürgerjournalist tatsächlich etwas zur Berichterstattung zum Amoklauf beizutragen. An diesem Informationswettlauf hat aber nicht nur “der Pöbel” teilgenommen. Es waren auch arrivierte Journalisten, die sich der Kritik an ihrer Arbeit zum Amoklauf einmal stellen sollten. Diese kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln findet allerdings weder von den klassischen Journalisten statt noch von den Internetnutzern. Ganz im Gegenteil: Man ergötzt sich mit einigem Hochmut eher an dem Unvermögen des anderen.

Das Fazit der gesellschaftlichen Debatte nach dem Amoklauf von Winnenden kann deshalb in einem Wort zusammmengefasst werden: Verantwortung. Verantwortung aller an der Erziehung von Kindern und Jugendlichen beteiligten Personen und Institutionen im rationalen Umgang mit Stress. Verantwortung aller Politiker, ihre populistischen Parolen zu unterlassen und die Rahmenbedingungen für ein Bildungssystem zu schaffen, dass sich an der Erziehung und Aufklärung beteiligt. Und zuletzt die Verantwortung von Journalisten und Internetinformanten, ihre Mittel sorgfältig auszuwählen und dabei die Persönlichkeitsrechte anderer zu wahren und den eigenen Anstand zu behalten.

Comments

One Response to “Amoklauf in Winnenden: Politiker und Journalisten schießen scharf”

  1. Einführung in die Phyllis Krystal Methode on Oktober 27th, 2011 02:47

    [...] leichter anzunehmen. Vom 26. bis 27. 2. 2011 werde ich in Mannheim ein Seminar zu diesem Weg halten.Die großen Veränderungen auf der Erde sind bereits im Gange. Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Staat…r Erde sind bereits im Gange. Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Staatenbankrott sind offensichtliche [...]

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