Twittern Twitterer Iran zur Revolution?

Juni 15, 2009 · Posted in Gesellschaft, Medien 

Twitter ist eines von vielen Kommunikationsinstrumenten im Internet. Viele beschreiben Twitter sogar als DAS Medium der Zukunft. Ich habe mir noch keine abschließende Meinung gebildet, ob das wirklich so eintreffen wird. Ich springe allerdings auf keinen Fall auf den Zug derer auf, die Twitter bereits jetzt als gesellschaftliche Revolution bezeichnen. Revolution ist auch das richtige Stichwort für diesen Beitrag, denn die derzeitigen Demonstrationen im Iran gegen das vermeintlich gefälschte Wahlergebnis sollen via Twitter organisiert worden sein. Da denke ich doch einfach mal kritisch drüber nach.

Spiegel Online berichtete als erstes deutsches Portal, dass Twitter zum Medium des Untergrunds im Iran werde. Und im Laufe des Nachmittags verwunderte es nicht, dass auch andere Medien wie der Focus oder der Stern in diesen Chor einstimmten. Alle verwiesen auf das Hashtag #IranElection, unter dem bei Twitter alle Tweets zur aktuellen Situation im Iran gesammelt werden. Die Oppositionellen würden dort die Demonstrationen organisieren und sich gegenseitig Mut zusprechen. Hier sei die kritische Nachfrage erlaubt, warum denn dort alle Beiträge in Englisch sind? Dass an iranischen Schulen Englisch gelehrt wird, so dass breite Bevölkerungsteile der Sprache mächtig sind und sie sogar zur Kommunikation unter Einheimischen genutzt wird, scheint mir doch fraglich.

Schaut man sich die Tweets genauer an, dann sind das in der überwältigenden Mehrheit Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland, Unverständnis über Ahmadinedschad und einige Beschränkte, die das populäre Hashtag nutzen, um auf eigene Blogs oder Ähnliches aufmerksam zu machen. Die wenigen Inhalte oder Bilder direkt aus Teheran werden dabei lediglich multipliziert, indem zahlreiche User das Gleiche twittern. Tatsächlich (verifiziert) aus dem Iran twitternde Twitterer gibt es dagegen kaum - das zeigt diese Liste.

Um den Bogen zum Beginn herzustellen: Wenn es um Twitter geht, werden gern Legenden gebildet, wobei die sachliche Berichterstattung auf der Strecke bleibt. Dass Twitter derzeit noch ein Nischenmedium ist, zeigt insbesondere eine Studie der Harvard Business School. Die Wissenschaftler fanden nämlich zum einen heraus, dass mehr als die Hälfte aller Mitglieder gar keine Nachrichten anderer Mitglieder abonnieren, also zwar angemeldet sind, Twitter aber nicht nutzen. Zum anderen, dass 10 Prozent der Mitglieder für 90 Prozent des Inhalts verantwortlich sind, also nur eine relativ kleine Gruppe beim Micro-Blogging-Dienst aktiv ist.

Ich sage Ja, Twitter kann in Gesellschaften, in denen die klassischen Medien durch Zensur und Restriktionen nicht ihrer Aufgabe gerecht werden können, eine wichtiges Informationsmedium sein und auch ein Kommunikationsmedium für Oppositionelle. Es darf dabei aber nicht vergessen werden, dass Außenstehende die Identität der Twitterer oft nicht abschließend beurteilen können und so gezielten Fehlinformationen Tür und Tor geöffnet werden. Ich kann daher die Journalisten und Blogger nur dazu aufrufen, in der Berichterstattung über Twitter sachlich zu bleiben. Es kann eines von mehereren Informationsmedien sein, doch muss dabei die notwendige Distanz gewahrt und die tatsächliche gesellschaftliche Relevanz des Mediums sowie einzelner Beiträge kritisch hinterfragt werden.

Comments

6 Responses to “Twittern Twitterer Iran zur Revolution?”

  1. ***Kiki** on Juni 15th, 2009 20:15

    Hi,

    heute habe ich mich bei Twitter angemeldet und zum ersten Mal verstanden, wozu dieses Twitter gut ist bzw. gut sein kann. Es gab neben Augenzeugenberichten, die Gerüchtestatus haben oder sogar gezielte Falschmeldungen sein können, auch zahlreiche Links auf englischsprachige Medienberichte sowie auf Fotos und Videos, die oft selbsterklärend waren und durchaus ein Bild vermittelten, aus dem man sich den einen oder anderen Reim machen konnte.

    Das meiste, was ich bei Twitter gelesen habe, fand sich übrigens ein, zwei Stunden später dann tatsächlich auch in den Korrespondentenberichten von Spiegel Online - ob man das nun als Bestätigung der Richtigkeit sehen mag oder dafür, daß der Spiegel dort ebenfalls abschreibt. Interessanterweise war es mir aber nicht möglich, solche Quellen im Forum zu verlinken, so lange sie “zu neu” waren, also der Spiegel selbst noch nicht darüber berichtet hatte. Kein solcher Beitrag von mir wurde freigeschaltet.

  2. Dr. Klaus Graf on Juni 15th, 2009 22:36

    Mir scheint der Beitrag ziemlich uninformiert. Meine eigene Stellungnahme:

    http://archiv.twoday.net/stories/5764228/

  3. admin on Juni 16th, 2009 08:45

    Einen Autoren mit dem Stempel “uninformiert” zu disqualifizieren ist natürlich die älteste und gleichzeitig billigste Methode, unsachlich Kritik zu äußern. Hatte allerdings einen argumentativ schlüssigen Gegenbeitrag in deinem Blog erwartet. Doch leider reihst du nur Einzelfundstücke relativ zusammenhangslos aneinander. Damit bestätigst du vielmehr meine These, dass Twitter ein geeignetes Informations- und sinnvolles Kommunikationsmedium sein kann, es aber noch weit davon entfernt ist, ein Leitmedium mit reliablen und validen Quellen zu sein.

  4. cubalibre on Juni 16th, 2009 10:41

    Ich schliesse mich dem ersten Kommentar an: In Twitter gab und gibt es hunderte von news, die mit links zu gut fundierten, gut recherchierten storys versehen waren und sind, die diese ungeheuerliche Wahlfälschung belegen.
    So kam aus dem Iran heraus ein Bericht, das Mousavi die Wahl mit dem gleichen Ergebnis gewonne hätte, mit dem später A. als Sieger “offiziell” bestätigt worden ist. Nur hatte die Delegation, die Mousavi um Mitternacht des Wahltages besuchte, nicht den Auftrag, ihn zum Wahlsieg zu gratulieren, sondern ihn davon abzuhalten, seinen Sieg zu proklamieren und ihn einzufordern. Was er dann nicht getan und damit die Unruhen ausgelöst hatte.
    Das Ergebnis der Wahl ist übrigens eindeutig: Mousavi vor Karubi und A.

  5. Stefan on Juni 16th, 2009 11:35

    Twitter ist das neue Spielzeug der Generation Doof.

    Anstatt mühsam die Spreu vom Weizen zu trennen, verlass ich mich lieber auf professionelle Nachrichten.

  6. Paule on Juni 16th, 2009 13:57

    @admin (3)

    was sind denn reliable quellen?

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