Boah, ist der Diekmann!
Polarisierung und Provokation sind ein untrennbares Wortpaar. Neben Theo Sarrazin oder Henryk M. Broder gehört Bild-Chefredakteur und -Herausgeber Kai Diekmann zu den Persönlichkeiten in Deutschland, denen der Ruf anhaftet, mit gezielten Aussagen die Bevölkerung immer wieder zu spalten. Nun hat sich der Letztere in eine Sphäre getraut, in der die Antipathie gegenüber Diekmann Höchstwerte erzielt: Die Blogosphäre. Und wie sollte es anders sein - allein der Launch von www.kaidiekmann.de hat zu einer Welle der Entrüstung geführt. Und dies nicht nur zu Unrecht, sondern auch auf eine Art und Weise, die jedem Kritiker des Web2.0 neues Futter liefert.
Ich gebe zu, ich tu mich grundsätzlich schwer, mich auf die Seite von Diekmann zu schlagen. Allerdings muss auch eine Diskussion unter Blogggern über den sachlichen Umgang mit streitbaren Persönlichkeiten im Netz sowie die Einhaltung der Netiquette gestartet werden. Diekmann, der eher den Kritikern von Bloggern zuzuschreiben ist, muss sich heute Morgen die Hände gerieben haben als er die zahlreichen persönlichen Beschimpfungen in seinen Kommentaren gelesen hat. Als Provokateur genießt und zelebriert Diekmann die Dummheit seiner Kritiker, indem er die Beschimpfungen separat veröffentlicht. Besser kann dem Leser nicht vor Augen geführt werden, dass sich in der Blogosphäre unter dem schützenden Mantel der Anonymität menschliche und intellektuelle Abgründe auftun. Dass diese Gruppe der niveaulosen anonymen Lautsprecher eigentlich in der Minderheit ist, gerät in den Hintergrund - Punkt Diekmann.
Natürlich gab es auch sachliche Kritik. So zum Beispiel das Interview von Stefan Niggemeier bei ZEITonline, in dem der Medienjournalist dem Bild-Chef vorwirft, das Blog sei vielmehr eine Plattform, um die Gegner Diekmanns zu umarmen und ihnen so den Wind aus den Segeln zu nehmen (im BILDblog wiederholt er diese Kritik etwas ausführlicher). Diese Sichtweise halte ich aus drei Gründen für falsch, das hängt mit der Funktionalität bzw. dem Zweck eines Blogs zusammen: Erstens ist ein Blog immer ein Instrument subjektiver Meinungsäußerung/-bildung, das auch einem Kai Diekmann zugestanden werden muss zu nutzen. Zweitens versteht Diekmann es auch, das Blog für Auseinandersetzungen zu öffnen wie zum Beispiel durch die Verlinkung des oben stehenden Interviews mit Niggemeier. Ihm an dieser Stelle vorzuwerfen, er umarme die Kritiker, negiert den Nutzen eines Blogs zur diskursiven Behandlung strittiger Themen. Und drittens, auch dass Diekmann auf diese Weise die Agenda- und Themenhoheit besitze, darf kein Kritikpunkt sein, denn diesen Vorteil nutzt jeder Blogger wie Journalist oder sonstige Medienschaffende ebenso für sich.
Letzten Endes ist das Blog von Kai Diekmann eine Marketing-Maschine. Zum einen für die Bild-Zeitung und zum anderen für das Ego des Autors. Das sind übrigens keine niederenn Motive, sondern die Motive der meisten Blogs, denn niemand bloggt gern, ohne dass seine Artikel am Ende gelesen werden und null Resonanz erzielen. Jeff Jarvis bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: “And he’s getting attention, which surely is the goal.” Anscheinend kommen aber einige nicht damit klar, dass dort jemand Aufmerksamkeit mit seinem Blog generiert, dessen Ansichten und Erscheinungsbild nicht mit den eigenen übereinstimmen. Alle fordern nach mehr Freiheitsrechten (im Netz), aber die digitale Bohème möchte dabei schon lieber unter sich bleiben. Thomas Knüwer macht sich gar zur zweiten Zensursula und würde Diekmanns Blog wohl am liebsten sofort verbieten, denn “Blogger wie dieser (Diekmann, Anm. d. Verf.) sind eine Geißel für die Menschheit”. Wie Twitterin larf es so schön zusammenfasst: “Jaja, alle wollen ein freies Internet. Aber Kai Diekmann soll gefälligst nicht bloggen.”
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2 Responses to “Boah, ist der Diekmann!”
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Ähm… Dass mein Diekmann-Beitrag ironisch gemeint ist, haben Sie schon erkannt, oder?
@knüwer: ich muss zugeben, dass es einen Moment gedauert hat, bis ich Ihren Beitrag dem Ironischen zuordnen konnte. Denn bei bestimmten Themen wird der Ton im Indiskretions-Blog schon mal rauer. Beim Schreiben dieses Artikels war ich dann allerdings im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.
Ein bisschen provoziert/überspitzt/karikiert (das ist ja auch ein Stilmittel, um Ironie auszudrücken) hab ich mit dem Zensursula-Vergleich, möchte aber betonen, dass ich Sie keinesfalls diskreditieren wollte damit - dafür schätze ich Ihr Blog viel zu sehr.